ungarn2014

Wahlen in Ungarn 2014


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Wer ist hier korrupt?

„Aha, Orbán ist also so etwas, wie der ungarische Berlusconi“, meinte neulich ein deutscher Bekannter von mir. Das trifft es recht gut.

Die Gründe für seine Wahl hat die Wirtschaftswoche in ihrem Artikel vom heutigen Sonntag differenziert betrachtet – differenzierter, als die meisten deutschen Medien bislang, meiner Ansicht nach.

Und gleichzeitig irrt die Autorin in einem zentralen Punkt: Sie stellt Viktor Orbán als nicht korrupt dar. Das stimmt auch. Niemand hat bislang Orbán korrupte Handlungen nachweisen können. Doch auch heute wurde in Budapest demonstriert. Grund war diesmal keine Internetsteuer, sondern – die Korruption. Die Chefin der ungarischen Steuerbehörde NAV gehörte zu den Personen, die mit einem Einreiseverbot seitens der USA belegt worden waren, weil sie amerikanischen Firmen Korruptionsangebote gemacht hatten.(mehr dazu hier ).

Korruption hat in Ungarn unter dem Viktator eine neue Form angenommen: Staatliche Aufträge werden nur an parteifreundliche Unternehmen vergeben. Durch Scheingeschäfte zwischen EU-Staaten werden „Steuern gespart“. Und so müssen sich die Politiker selbst nicht mehr die Hände schmutzig machen. Sauber ist das alles deswegen noch lange nicht.

 

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Wer nicht lernt, zahlt

Strengere Kriterien für den Hochschulzugang, verstärkte Kooperationen mit der Wirtschaft, stärkere Produktorientierung, das sind die Schlagworte der neuen Hochschulstrategie. László Palkovics, Staatssekretär für Hochschulbildung, gab in dem Interview mit index.hu einen Ausblick auf die Entwicklungen, die bis 2020 zu erwarten sein werden.

Grundsätzlich ist das Ziel, Studenten besser auf die praktischen Anforderungen des Arbeitslebens vorzubereiten. Natürlich soll diese Ausrichtung auch für die Hochschulen von Vorteil sein, geht es doch auch um von der Wirtschaft geförderte Forschungsprojekte oder Lehrstühle.

Doch so sinnvoll die Strategie in vielen Punkten zu sein scheint, so scheint mir doch, dass László Palkovics einige Aspekte zu wenig berücksichtigt:

1) Nicht jede Fachrichtung ist für die Wirtschaft von gleichem Interesse wie die Ingenieurswissenschaften (Palkovics selbst kommt aus diesem Bereich). Selbst mit sehr viel Phantasie kann ich mir schwer vorstellen, was für ein Forschungsprojekt im Bereich Philosophie für ein Großunternehmen interessant sein könnte. Wenn man also die praktische Orientierung als obersten Wert annimmt, läuft man Gefahr, anders orientierte Wissenschaften zu vernachlässigen.

2) Ein Studium dient nicht nur der Berufsausbildung sondern auch der persönlichen Entwicklung. Um bei dem Beispiel Philosophie zu bleiben: das Studium selbst kann für die persönliche Entwicklung sehr bereichernd sein, auch wenn bei Abschluss nicht erwarten sollte, eine klar vorgefertigte Laufbahn antreten zu können.

3) So sehr klare Strukturen, eindeutige Anforderungen und Entwicklungswege erstrebenswert scheinen, so sollte man nicht vergessen, dass diese allein nicht die Lösung einer langfristig orientierten Bildung darstellen können. Einerseits entwickeln sich in unserer Welt ständig neue Berufsbilder, die bei herkömmlich definierten Ausbildungswegen außer Acht bleiben. Und zweitens verlaufen Lebenswege selten linear auf ein Ziel (z.B. Festanstellung als Ingenieur) zu – ein Bildungssystem sollte also auch eine gewisse Durchlässigkeit bewahren, um auch Personen Perspektiven zu bieten, die nicht immer schon gewusst haben, was sie später mal machen wollen.

Bleibt zu hoffen, dass also auch die ungarische Bildungsreform von dem Grundsatz „One size fits all“ abkommt und sich stattdessen mehrdimensional fortentwickelt.

http://index.hu/belfold/2014/11/06/aki_nem_tud_megtanulni_egy_idegen_nyelvet_ott_baj_van/


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Internetsteuer sorgt für Massenprotest

Wo bleibt die allgemeine Empörung? Wieso demonstriert niemand? Das haben mich meine deutschen Bekannten häufig gefragt, als die neuen Mediengesetzgebung Ungarns die deutschen Zeitungen ging.

Seit Sonntag ist es soweit: Budapests Straßen sind voller Demonstranten. Der Stein des Anstoßes ist die Internetsteuer, die die Regierung einführen wollte.

Bilder dazu findet man hier:

http://index.hu/belfold/2014/10/29/internado_ellen_tuntetnek/


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Kommt die duale Ausbildung auch in Ungarn?

Es sind wieder Wahlen in Ungarn: Am Sonntag werden die Kommunalwahlen im ganzen Land stattfinden. Danach erwartet Viktor Orbán, dass die Politik endlich zum normalen Tagesgeschäft übergehen kann. Schließlich befinden sich Ungarns Parteien seit den Vorbereitungen auf die Parlamentswahlen am 6. April 2014 im Dauerwahlkampf. Fazit aus einem Interview mit Viktor Orbán, das er heute morgen im Kossúth Rádió gab.

Viel Nebel, wenig Klarheit: Das ist die bewährte Strategie, mit der Viktor Orbán auf Fragen der Öffentlichkeit antwortet. So auch heute morgen. Fragen nach der konkreten Haushaltsplanung und strukturellen Veränderungen verschwanden im Nebel.

Doch zwei konkrete Aufgaben der Regierung für die nächsten Jahre kamen ans Licht: die duale Ausbildung und eine Kindergartenpflicht.

Mit der dualen Ausbildung will Orbán proaktiv einem zukünftigen Fachkräftemangel entgegenwirken, wie er seiner Meinung nach schon in ein bis zwei Jahren eintreten könnte.

Mit der Kindergartenpflicht hofft er, vor allem auch Kinder aus Zigeunerfamilien* zu erreichen, um diese in eine reguläre Schullaufbahn einbinden zu können. Auch das ist eine Maßnahme, um „stille Reserven“ unter der arbeitsfähigen Bevölkerung zu aktivieren. Schließlich ist die Arbeitslosigkeit in dieser Minderheit besonders hoch.

Diese Aufgaben will Orbán in den kommenden zwei Jahren einführen. Aktuell sei er dabei, Personen auszuwählen, die die duale Ausbildung aufbauen.

*Ich verwende bewusst den Terminus „Zigeuner“. Die politisch-korrekte Bezeichnung „Sinti und Roma“ bezeichnet zwei Volksstämme unter den Zigeunern und soll als pars pro toto funktionieren, was meiner Ansicht nach eine irreführende Verkürzung der Realität bedeuted.

http://hangtar.radio.hu/kossuth#!#2014-10-10
http://www.portfolio.hu/gazdasag/orban_mas_idoszak_kezdodik_hetfotol_2.3.204833.html


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Das haben die Odenwaldschüler nicht verdient

Stereotypenbildung und interkulturelle Kommunikation scheint den Meisten dann relevant, wenn Angehörige zweier Nationen aufeinander treffen. Dass es aber auch innerhalb einer Nation zu interkulturellen Missverständnissen kommen kann, zeigt der Film „Die Auserwählent“. Er thematisiert das „deutsche“ Thema der Missbrauchsgeschichten an der Odenwaldschule und wurde am heutigen Mittwoch im ARD einem „deutschen“ Publikum gezeigt.

Die Missverständnisse nahmen bereits vor der Ausstrahlung ihren Anfang: Die Opfer der Odenwaldschule hatten versucht, gegen die Ausstrahlung des Films gerichtlich vorzugehen. Vergebens. Wieso auch einem Film die Ausstrahlung verweigern, der die historischen Tatsachen nicht offensichtlich verzerrt und auch keine Privatpersonen in ihren persönlichen Rechten verletzt?

Und tatsächlich werden die historischen Gegebenheiten brav re-inszeniert. Man sieht die Häuser der Schule und erfährt, was das Wort „Familie“ in diesem Zusammenhang bedeutet. Nur: damit ist auch der Spannungsbogen hin. Schließlich weiß jeder, dass die Missbrauchsopfer schließlich öffentlich Gehör mit ihrer Geschichte gefunden haben – sonst gäbe es ja den ganzen Film nicht.

Doch die eigentliche Tragödie der Vorfälle liegt genau in dem, was der Film nicht erzählt. Der Punkt ist doch nicht, dass alle, von Lehrern und Eltern bis hin zum Kultusminister, über Jahre hinweg einigen Schmierenkomödianten auf den Leim gegangen sind, sondern darin, dass die Akteure ihre eigene Wahrnehmung in Frage stellen: Was ist richtig, was ist falsch? Und dass sie mit ihren Zweifeln allein bleiben. Das gilt übrigens nicht nur für Opfer, sondern für auch für potentielle Zeugen. Und genau deswegen sollte eigentlich der Zweifel sollte den Ton angeben in dem Film. Tut er aber nicht. Warum? Aus Angst, dass die Mehrheit des „deutschen“ Publikums von der Komplexität überfordert wird?

Resultat ist jedenfalls, dass der Voyeurismus eines breiten Publikums auf Kosten der möglicherweise differenzierteren Gefühlslage einer Minderheit gestillt wird. Ist es das wert?

http://www.ardmediathek.de/tv/FilmMittwoch-im-Ersten/Die-Auserwählten-Video-tgl-ab-20-Uhr/Das-Erste/Video?documentId=23831940&bcastId=10318946&mpage=page.dossier-23771480